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    Autoritarismus und Ausländerfeindlichkeit

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    Inhaltsverzeichnis Vorwort * 1. Einleitung *
    2. Zur Theorie des Autoritarismus *
    2.1 Die Studien zum autoritären Charakter *
    2.1.1 Voraussetzungen und Ziele *
    2.1.2 Methodologie *
    2.1.3 Erste empirische Ergebnisse *
    2.1.4 Klinischer Teil der Untersuchung *
    2.1.5 Kritische Überlegungen *
    2.2 Bob Altemeyers Untersuchungen zum rechten Autoritarismus *
    2.2.1 Zur Definition des Phänomens *
    2.2.2 Die RWA-Skala *
    2.2.3 Wie entsteht Autoritarismus? *
    2.2.4 Autoritäre Aggression *
    2.2.5 Autoritarismus und Religion *
    2.2.6 Autoritarismus und Politik *
    2.2.7 Gefahren und Umgang mit Autoritarismus *
    2.3 Theoretische Zwischenbilanz *
    3. Hypothesen und empirische Überprüfung *
    3.1 Vorüberlegungen zur Gruppenbildung *
    3.1.1 Rigorismus *
    3.1.2 Anomie *
    3.1.3 Die politische Selbsteinschätzung auf der rechts-links-Skala *
    3.2 Gruppenbildung *
    3.3 Bildung im Gruppenvergleich *
    3.3.1 Theorie *
    3.3.2 Datenauswertung *
    3.4 Alter im Gruppenvergleich *
    3.4.1 Theorie *
    3.4.2 Datenauswertung *
    3.5 Geschlecht, Berufsstatus und Einkommen im Gruppenvergleich *
    3.6 Religiosität im Gruppenvergleich *
    3.6.1 Theorie *
    3.6.2 Datenauswertung *
    3.7 Autoritarismus und Einstellung zu Ausländern *
    3.7.1 Theorie *
    3.7.2 Datenauswertung *
    4. Schlusswort und Ausblick *

    1.Einleitung

    Autoritarismus und die eng damit in Verbindung stehenden Phänomene des Rechtaaatremismus, des Ethnozentrismus und der Minderheitenfeindlichkeit werden zu Recht als grosse Gefahr für die demokratischen Gesellschaften betrachtet. Autoritarismus, oft beschrieben als das Konglomerat von Tendenzen zur Submission (unter bestehende Autorität), zur Aggression (gegen bestimmte, "Autoritäts-sanktionierte" Ziele) und zum übertriebenen Konventionalismus, stellt in seiner ausgeprägtesten Form eine tragende Ideologie unserer Gesellschaftsform in Frage: die Lehren der Aufklärung, die den Menschen als freies, vernunftbestimmt handelndes Subjekt begreifen. Oder anders ausgedrückt: erhält Autoritarismus in einer bestimmten Gesellschaft genügend starke Unterstützung, entwickelt er Kräfte, die in Richtung einer revolutionären Umwälzung der Gesellschaftsverhältnisse unter Aufgabe der Ideale des Liberalismus und des Rationalismus wirken.
    Vom Phänomen des Autoritarismus muss angenommen werden, dass es in allen demokratischen Gesellschaften (und selbstverständlich auch in anderen Gesellschaftsformen) jederzeit latent vorhanden ist, dass aber die Stärke der von ihm entwickelten gesellschaftsverändernden Kraft zeitlichen Schwankungen unterliegt. Solche Schwankungen können mit dem Auftauchen und Verschwinden autoritärer Führerpersönlichkeiten in Verbindung gebracht werden. Es sind dies Persönlichkeiten, die den in einer Gesellschaft latent vorhandnen Autoritarismus zur Realisierung ihrer politischen Ziele ausnutzen. Die bekannteste Führerpersönlichkeit der jüngeren europäischen Geschichte war sicherlich Adolf Hitler, der ein enormes Zerstörungspotential aus dem Autoritarismus seiner Zeit geschöpft hat. Doch auch heute lassen sich Personen beobachten, die den latent vorhandenen Autoritarismus ihrer Gesellschaft zur Basis ihrer politischen Aktivitäten gemacht haben, wenn auch hoffentlich nicht mit gleich zerstörerischen Absichten wie Hitler: so z. B. Jörg Haider in Österreich, Jean-Marie Le Pen in Frankreich oder, in der Schweiz, Christoph Blocher.
    Meine Arbeit befasst sich jedoch nur am Rande mit solchen Führerpersönlichkeiten. Mein Ziel ist vielmehr die Untersuchung ihrer politischen Bas[​IMG] des in einer Gesellschaft latent vorhandenen Autoritarismus [1].
    An dieser Stelle möchte ich den Personen danken, die mich beim Verfassen dieser Arbeit unterstützt haben. Ein ganz besonderer Dank geht an "meinen" Assistenten, Jörg Stolz, für das gewissenhafte Durchlesen meines Entwurfes und die konstruktive Kritik.




    2. Zur Theorie des Autoritarismus
    Die Geschichte der Autoritarismus-Forschung kann bis zum Psychoanalysten und politischen Aktivisten W. Reich zurückverfolgt werden [3]. Dieser spricht 1930 in Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral von "autoritärer Unterjochung" und beschreibt die sogenannte "Feldwebelnatur", die "duckt sich nach oben [...] und herrscht nach unten" [4]. Zwei der später als wichtig angesehenen Merkmale des Autoritarismus sind hier bereits angetönt: das Zusammengehen von Stärke (nach unten) und Schwäche (nach oben), Unterwürfigkeit und Beherrschung, oder letztlich von Unterwürfigkeit und Aggression. Diese beiden Merkmale, angereichert um sieben weitere sollen zwanzig Jahre später im eigentlichen "Gründerwerk" der Autoritarismus-Forschung wieder auftauchen: in den Studien zum autoritären Charakter, verfasst von T.W. Adorno, E. Frenkel-Brunswik, D.J. Levinson und R.N. Sanford. Für die darauffolgenden Jahre bis 1989 listet Psychological Abstracts 2'341 Publikationen zu den Themen Autoritarismus und Dogmatismus auf [5]. Besonders die Ereignisse in Nazideutschland, sowie das regelmässige Auftauchen autoritär-populistischer Führer hier und dort haben jeweils zu ganzen Strömen von wissenschaftlichen Publikationen über Autoritarismus geführt. Auch nur schon eine repräsentative Auswahl aus dieser Flut von Untersuchungen treffen zu wollen wäre ein äusserst verwegenes Unterfangen. Daher werde ich mich im folgenden, von Ausblicken und Kritiken abgesehen, hauptsächlich auf zwei Werke konzentrieren: auf die psychoanalytisch geprägten Studien zum autoritären Charakter, sowie auf Enemies of Freedom, dessen Autor, B. Altemeyer, sich auf Theorien des sozialen Lernens beruft. Ich glaube, so dennoch das Ziel dieses Kapitels erreichen zu können: nämlich einen Überblick über die Komplexität der Autoritarismusforschung und ihrer weitverzweigten Ergebnisse zu geben.

    2.1 Die Studien zum autoritären Charakter
    Die Studien zum autoritären Charakter sind Teil einer umfassenden Serie von Untersuchungen zur Entstehung des Vorurteils und zum Antisemitismus. Sie sind in den späten ‘40er Jahren unter dem Eindruck des Faschismus entstanden. Zu ihren Initianten gehören nebst T.W. Adorno, E. Frenkel-Brunswik, D.J. Levinson und R.N. Sanford noch weitere Mitglieder des emigrierten Frankfurter Institut für Sozialforschung. Die Resultate der Studien sind 1950 erstmals unter dem Titel The Authoritarian Personality als letzter Band der 5-teiligen Serie Studies in Prejudice erschienen [6].
    Die Studien gehören aufgrund ihres Umfangs und der Zahl der darin angesprochenen Themen zu den monumentalsten Werken moderner Sozialwissenschaft. R. Sennett sieht ihren Wert vor allem in den Fragen, die sie aufgeworfen haben. Die Studien, so Sennett, zogen eine Grundannahme M. Webers und anderer in Zweifel, indem sie folgendes postulierten: "Die Bereitschaft der Menschen, etwas zu glauben, hängt nicht lediglich von der Glaubwürdigkeit oder Legitimität der Ideen, Grundsätze und Personen ab, die man ihnen vor Augen führt. Sie beruht auch darauf, dass die Menschen selbst ein Bedürfnis haben, etwas zu glauben. Was sie von einer Autorität erwarten, ist ebenso wichtig wie das, was diese Autorität ihnen zu bieten hat." [7] Das Dilemma von Autorität besteht darin, dass die Menschen sich zu starken Gestalten hingezogen fühlen, denen sie keine Legitimität zuerkennen.
    Am Forschungsansatz der Studien wurde seit ihrem Erscheinen so viel berechtigte Kritik geübt, dass der Wert dieser Untersuchung als Pionierarbeit darüber oft in Vergessenheit geriet. Daher ist es mir schwergefallen, bei der Zusammenfassung die Argumentationslinie der Autoren mit kritischen Einwänden zu unterbrechen, und so habe ich beschlossen, derartige Bemerkungen in Fussnoten und ans Ende dieses Textabschnittes zu "verbannen".
    2.1.1 Voraussetzungen und Ziele
    Bei ihrer Arbeit orientierten sich die Autoren an einer Prämisse, die besagt,
    dass die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Überzeugungen eines Individuums häufig ein umfassendes und kohärentes, gleichsam durch eine ‘Mentalität’ oder einen ‘Geist’ zusammengehaltenes Denkmuster bilden, und dass dieses Denkmuster Ausdruck verborgener Züge der individuellen Charakterstruktur ist. [8]
    Im Mittelpunkt ihres Interesses stand "das potentiell faschistische Individuum, ein Individuum, dessen Struktur es besonders empfänglich für antidemokratische Propaganda macht" [9]. Ihr Ziel war nicht, die Existenz antisemitischer Vorstellungen in einer Gesellschaft zu erklären, sondern die Frage zu beantworten, warum es dazu komme, dass bestimmte Personen solche Ideen akzeptierten und andere nicht. Dabei gingen sie davon aus, dass die Empfänglichkeit eines Individuums für faschistische Ideologien weniger von dessen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Vorstellungen per se abhängig sei, sondern als Reaktion auf psychische Bedürfnisse verstanden werden müsse. Dass seine Empfänglichkeit Ausdruck einer bestimmten, der autoritätsgebundenen, Charakterstruktur sei. Den idealen psychologischen Nährboden für die Herausbildung einer autoritätsgebundenen Charakterstruktur sahen die Autoren in den patriarchalischen Erziehungsmethoden der weissen amerikanischen Mittelstandsfamilie [10].
    Ziel war also die Untersuchung des faschistischen Potentials, der in der amerikanischen Gesellschaft vorhandenen Bereitschaft, faschistische Ideologien zu akzeptieren. Individuen, so die Autoren, drückten diese Bereitschaft nicht offen aus, sondern sie sei Teil von verborgenen Tendenzen in ihrer Charakterstruktur, die es zu erfassen gebe [11]. Die Frage nach den geeigneten Methoden, um derartige Tendenzen zu erfassen, war gestellt.
    2.1.2 Methodologie
    Die Autoren unterschieden mehrere Schichten im Individuum, die es zu berücksichtigen gelte: Oberflächenmeinungen, -attitüden und -wertvorstellungen, ideologische Trends, die nur durch indirekte Manifestationen an die Oberfläche gelangen, sowie im Unbewussten wirkende Charakterkräfte. Fragebogen und klinische Arbeitsweisen sollten helfen, diese verschiedenen Schichten der Individuen zu erfassen.
    Die Fragebogen enthielten Fragen zur Person (z.B. Beruf, Religion, Parteipräferenz), Meinungs- und Einstellungsskalen (zur Erfassung ideologischer Oberflächentrends, wie Antisemitismus, Ethnozentrismus oder politisch-ökonomischer Konservatismus), sowie projektive Fragen (ohne Antwortvorgaben).
    Klinische Methoden und Einzelinterviews dienten der Aufdeckung verborgener Wünsche, Ängste und Abwehrmechanismen.
    Die Autoritarismus-Skala
    Eines der grossen methodologischen Ziele der Studie war die Entwicklung einer Skala zur Messung potentiell antidemokratischer Trends in der Charakterstruktur (der sogenannten Faschismus-Skala (F-Skala), im deutschen Sprachraum meist als Autoritarismus-Skala (A-Skala) bezeichnet). Die Zielsetzung...
    bestand darin, eine Skala mit Sätzen zusammenzustellen, die, gemäss Hypothesen und klinischen Erfahrungen, als ‘Enthüllungen’ verhältnismässig verborgener Züge in der Charakterstruktur betrachtet werden konnten, und die eine Disposition bezeichneten, faschistische Ideen - bei entsprechender Gelegenheit - spontan zu äussern oder sich von ihnen beeinflussen zu lassen. [12]
    Zu diesem Zwecke galt es Sätze (Items) zu finden, die, ohne sichtbaren Zusammenhang mit offenen antidemokratischen Zügen, dennoch stark mit diesen korrelierten. Nur so konnten gewisse Abwehrmechanismen umgangen werden, die bei vielen Personen immer dann mobilisiert werden, wenn sie zu stark ideologisch gefärbten Fragen Stellung nehmen müssen. Anschliessend musste (vor allem mit Hilfe von klinischen Methoden wie z. B. persönlichen Interviews) bewiesen werden, dass bestimmte Antworten auf diese "indirekten" Skalensätze tatsächlich Ausdruck eines antidemokratischen Potentials in der Charakterstruktur waren.
    Die endgültige Form der F-Skala entstand in mehreren Schritten, in welchen Sätze jeweils aufgrund empirischer Ergebnisse angepasst oder gestrichen, bzw. neu hinzugefügt wurden. Die Autoren liessen sich dabei von einer Zusammenstellung von Grundzügen leiten, die sie aufgrund theoretischer Überlegungen in der Charakterstruktur des potentiell faschistischen Individuums vermuteten. Als derartige Grundzüge betrachteten sie: [13]
    • Konventionalismus. Eine starre Bindung an die konventionellen Werte des Mittelstandes als Antwort auf gesellschaftlichen Druck, d. h. das Beharren auf den Normen der Kollektivmacht, mit der sich das Individuum identifiziert. Die blosse Anerkennung herkömmlicher Werte wird nicht als Konventionalismus betrachtet (und soll mit diesen Items auch nicht gemessen werden).
    Beispiel für ein Item: "Wer schlechte Manieren und Angewohnheiten und eine schlechte Erzeihung hat, kann kaum erwarten, mit anständigen Leuten zurechtzukommen." [14]
    • Autoritäre Unterwürfigkeit. Eine unkritische Unterwerfung unter die idealisierte Autorität der Eigengruppe und der Wunsch nach einem starken Führer etc. Die masochistische Komponente des Autoritarismus.
    Beispiel für ein Item: "Gehorsam und Respekt gegenüber der Autorität sind die wichtigsten Tugenden, die Kinder lernen sollen".
    • Autoritäre Aggression. Die Tendenz, nach Menschen Ausschau zu halten, die konventionelle Werte missachten, um sie verurteilen, ablehnen und bestrafen zu können. Die sadistische Komponente des Autoritarismus.
    Beispiel für ein Item: "Die meisten unserer gesellschaftlichen Probleme wären gelöst, wenn man die Asozialen, Gauner und Schwachsinnigen loswerden könnte".
    • Anti-Intrazeption. Die Abwehr des Subjektiven, des Phantasievollen, Sensiblen (diese Abwehr kann als Ausdruck von Ich-Schwäche gewertet werden).
    Beispiel für ein Item: "Der Geschäftsmann und der Fabrikant sind viel wichtiger für die Gesellschaft als der Künstler und der Professor".
    • Aberglaube und Stereotypie. Der Glaube an die mystische Bestimmung des eigenen Schicksals und die Disposition, in rigiden Kategorien zu denken.
    Beispiel für ein Item: "Jeder Mensch sollte einen festen Glauben an eine übernatürliche Macht haben, deren Entscheidung er nicht in Frage stellt".
    • Machtdenken und "Kraftmeierei". Das Denken in Dimensionen wie Herrschaft-Unterwerfung, stark-schwach, Führer-Gefolgschaft und die Identifikation mit Machtgestalten, sowie das Überbetonen der konventionellen Attribute des Ich und eine übertriebene Zurschaustellung von Stärke und Robustheit.
    Beispiel für ein Item: "Die Menschen kann man in zwei Klassen einteilen: die Schwachen und die Starken".
    • Destruktivität und Zynismus. Eine allgemeine Feindseligkeit und die Diffamierung des Menschlichen.
    Beispiel für ein Item: "Vertraulichkeit erzeugt Geringschätzung".
    • Projektivität. Die Disposition, an wüste und gefährliche Vorgänge in der Welt zu glauben und die Projektion unbewusster Triebimpulse auf die Aussenwelt. Dies als Reaktion auf von aussen auferlegte Restriktionen in der Triebbefriedigung.
    Beispiel für ein Item: "Die aaauellen Ausschweifungen der Griechen und Römer sind Kindergartengeschichten im Vergleich zu dem, was heute bei uns zuweilen getrieben wird, selbst in Kreisen, wo man es am wenigsten erwarten würde".
    • aaaualität. Die übertriebene Beschäftigung mit aaauellen "Vorgängen".
    Beispiel für ein Item: "Homoaaauelle sind auch nicht besser als andere Verbrecher und sollten streng bestraft werden".
    Hier ist noch anzumerken, dass die Autoren die eben aufgezählten Grundzüge keineswegs als voneinander klar abgrenzbare Einheiten betrachteten. So enthält die endgültige Form der F-Skala zahlreiche Sätze, die mehreren Grundzügen gleichzeitig zugeordnet werden können. Der von mir unter Anti-Intrazeption erwähnte Satz ("Der Geschäftsmann...") wird in den Studien zum Beispiel auch als Indikator für Konventionalismus interpretiert. Oder vielleicht einleuchtender: der unter aaaualität erwähnte Satz ("Homoaaauelle...") kann auch als Indikator für autoritäre Aggression interpretiert werden.
    2.1.3 Erste empirische Ergebnisse
    Die empirischen Auswertungen zur endgültigen Form der F-Skala zeigten, dass die vermuteten Grundzüge in der autoritären Charakterstruktur wie erwartet ein Syndrom bildeten und mit den ebenfalls gemessenen Werten für Ethnozentrismus (E-Skala), politisch-ökonomischen Konservatismus (PEC-Skala) und Antisemitismus (A-S-Skala) hoch korrelierten. Personen, die auf einer der Skalen hohe und auf einer anderen tiefe Werte erzielten, waren also äusserst selten. So erhärtete sich die Hypothese von der zentralen Charakterdisposition [15]. Der Zusammenhang hoher F-Werte mit der Anfälligkeit für Faschismus musste aber noch gezeigt werden. Dies war das Ziel des klinischen Teils der Untersuchung, der auch zu einem besseren Verständnis der potentiell faschistischen Denkstruktur und ihrer Entwicklung im Individuum beitragen sollte.
    2.1.4 Klinischer Teil der Untersuchung
    Auf den umfangreichen klinischen Teil der Studien kann im Rahmen dieser empirisch orientierten Forschungsarbeit nicht weiter eingegangen werden. Zusammenfassend sei hier nur erwähnt, dass jeweils Personen mit sehr hohen ("Hohe") oder sehr tiefen Werten auf den angewandten Skalen ("Tiefe") zu längeren Interviews mit offenen Fragen geladen wurden. Diese Interviews wurden dann mit hauptsächlich psychologischen Techniken eingehend analysiert und verglichen. Dabei liessen sich die Autoren von der Annahme leiten,
    dass die - weitgehend unbewusste - Feindschaft, die aus Versagung und Repression resultiert und sozial vom eigentlichen Objekt abgewandt wird, ein Ersatzobjekt braucht, durch das sie einen realistischen Aspekt für das Subjekt gewinnt, das [...] einer Psychose [...] ausweichen muss. Dieses ‘Objekt’ unbewussten Vernichtungswillens, keineswegs nur oberflächlich als ein ‘Sündenbock’ zu verstehen, muss bestimmte Bedingungen erfüllen, um seiner Funktion zu genügen. Es muss greifbar genug, aber auch nicht zu greifbar sein, damit die eigene Wirklichkeit es nicht zunichtemacht. [...] Es muss in starren und wohlbekannten Stereotypen definiert sein, und schliesslich muss es Merkmale besitzen oder zumindest im Sinne von Merkmalen wahrgenommen und verstanden werden können, die den destruktiven Tendenzen des Vorurteilsvollen entgegenkommen. [16]
    Dieses Postulat setzt den (potentiellen) Faschismus in einen direkten Zusammenhang mit der Suche nach einem "Objekt unbewussten Vernichtungswillens" - ethnische und soziale Minderheiten sind ideale, derartige "Objekte".
    Ein wichtiges Ergebnis der klinischen Analysen war die Feststellung, dass die Personen mit hohen Skalenwerten ein relativ einheitliches Bild boten, wohingegen Personen mit niedrigen Skalenwerten in eine Vielzahl von völlig unterschiedlichen Gruppen unterteilt werden konnten.
    2.1.5 Kritische Überlegungen
    Hier sollen die weiter oben zum Teil schon angetönten, wichtigsten Kritikpunkte der Theorien und des Vorgehens der Studien nochmals kurz zusammengefasst und diskutiert werden.
    • Vorwurf der mangelnden empirischen Überprüfbarkeit. Die in den Studien dargelegten Theorien zur Entstehung von Autoritarismus, obwohl mit dem Ziel einer empirischen Untersuchung vor Augen entstanden, postulieren schwer bis nicht empirisch überprüfbare, langfristige Zusammenhänge: Erfahrungen während der Kindheit sollen den später autoritären Charakter entstehen lassen. Dieses Postulat würde sich nur mit extrem aufwendigen Untersuchungen über mehrere Jahrzehnte (Erziehungsstil der Eltern - späterer Autoritarismus der Kinder) seriös überprüfen lassen. Diese Kritik wurde unter anderem auch von B. Altemeyer vorgebracht und wird weiter unten nochmals aufgegriffen.
    In einem allgemeineren Sinn kann auch der psychoanalytische Ansatz der Studien als solcher kritisiert werden: psychoanalytische Konzepte wie "Verdrängung", "Verschiebung" und "Projektion" lassen sich vermutlich nicht empirisch umsetzen.
    • Kritik der mangelnden Berücksichtigung von situationellen Faktoren. Die Items der Autoritarismus-Skala fragen nach persönlichen Einstellungen zu bestimmten Themen. In den Studien wird ein sehr direkter Zusammenhang zwischen der über derartige Einstellungen gemessenen "Charakterdisposition" und dem effektiven Verhalten einer Person angenommen. Der Leser sucht allerdings vergeben nach einer experimentellen Überprüfung dieser Annahme. Zur Erinnerung: die Studien hatten unter anderem zum Ziel, das faschistische Potential in der Amerikanischen Gesellschaft abzuschätzen. Autoritaristisches Verhalten müsse, so wird von Kritikern argumentiert, als Ergebnis von persönlichen und situationellen Faktoren untersucht werden.
    • Kritik an der Beschränkung des Untersuchungsfeldes. Zahlreiche Untersuchungen zum Autoritarismus weisen denselben Mangel auf: anstatt repräsentative Samples aus ganzen Bevölkerungsteilen zu untersuchen, beschränken sie sich aufgrund von theoretischen und praktischen Überlegungen auf mehr oder weniger zufällig ausgewählte Gruppen von Personen. Dazu gehören auch, wie schon erwähnt, die Studien.
    • Kritik an der Skala I: Unidirektionalität. Die ursprüngliche Autoritarismus-Skala ist weitgehend unidirektional, d. h. sie enthält überwiegend Items, bei denen Zustimmung als ein Zeichen von Autoritarismus interpretiert wird. Die Skala, so wird kritisiert, messe daher nichts anderes als die Tendenz zur Zustimmung. Dies beeinflusse die Resultate besonders dann, wenn der Befragte einer tieferen Schicht entstamme, als der Befragende. [17] Dem hält Meloen [18] entgegen, dass die Unidirektionalität der F-Skala auf einer expliziten Hypothese der Studien beruhe und dass keine stichhaltigen Beweise für die empirische Minderwertigkeit einer unidirektionalen Skala zur Messung von Autoritarismus zu finden seien.
    • Kritik an der Skala II: Fragen zur Validität. Die sehr niedrigen Interitem-Korrelationen der F-Skala deuten darauf hin, dass unklar ist, was die Skala in Tat und Wahrheit misst.

    Diese Kritikpunkte sollen wie gesagt nicht über die Wichtigkeit der Studien als Pionierarbeit hinwegtäuschen. Es sind die Studien, die das Konzept des Autoritarismus als intellektuelles Werkzeug für die Erforschung eines Phänomens etabliert haben, das eine grosse Bedrohung für die demokratisch-liberalen Gesellschaftsformen darstellt. Daher kommt es, dass keine Untersuchung zum Autoritarismus, auch meine nicht, ohne eine eingehende Betrachtung der Erkenntnisse der Studien auskommt.

    2.2 Bob Altemeyers Untersuchungen zum rechten Autoritarismus
    B. Altemeyer, Professor für Psychologie an der Universität von Manitoba, Kanada, beschäftigt sich seit mehreren Jahrzehnten mit der Erforschung des von ihm als "right wing authoritarianism" (RWA) bezeichneten Phänomens. Aufgrund des Umfangs seiner Forschungstätigkeit, seines methodologischen Ideenreichtums und nicht zuletzt aufgrund seiner aussergewöhnlich "un-autoritären" Art, wissenschaftliche Texte zu schreiben, gehört Altemeyer sicherlich zu den wichtigsten Figuren der heutigen Autoritarismus-Forschung. Vier Buchpublikationen dienten ihm bisher zur Darstellung der Ergebnisse seiner unermüdlichen Forschungstätigkeit. Im folgenden werde ich die in seinem zweiten Buch, Enemies of Freedom - Understanding Right-Wing Authoritarianism dargestellten Erkenntnisse zusammengefasst wiedergeben.
    2.2.1 Zur Definition des Phänomens
    Von den in den Studien zur Beschreibung des autoritären Charakters aufgeführten neun Merkmalen übernimmt Altemeyer, der sich von der schwer empirisch nachvollziehbaren, psychoanalytisch geprägten Konzeption des Autoritarismus zu lösen versucht, nur die ersten drei:
    • Autoritäre Submission. Ein hoher Grad von Unterordnung unter die in einer Gesellschaft vorhandenen Autoritätsträger. Diese werden als von der Gesellschaft etabliert und legitimiert betrachtet. Obwohl Altemeyer effektiv von einem relativ homogenen Gesellschaftsbild auszugehen scheint (dies könnte daher rühren, dass er fast ausschliesslich eine relativ homogende Personengruppe, nämlich die Studenten an "seiner" Universität untersucht hat), schliesst er selbstverständlich nicht aus, dass verschiedene Personen unterschiedliche Autoritätsträger als "von der Gesellschaft etabliert und legitimiert" betrachten können. Wobei diese Personen jeweils glauben, dass "ihre" Autoritätsträger die einzigen, oder besser: die "richtigen" sind.
    • Autoritäre Aggression. Die Bereitschaft zu einer aggressiven Haltung gegenüber bestimmten Personen, wenn diese als von der Autorität sanktionierte Aggressionsziele wahrgenommen werden. Die Kontrolle anderer - besonders "sozial abweichender" - durch Bestrafung. Diese Art von Aggression kann sich gegen andere Ethnien, aber auch gegen fast beliebige Aggressionsziele richten. Einzige Voraussetzung ist, dass die Aggression als von der Autorität sanktioniert wahrgenommen wird.
    • Konventionalismus. Ein hoher Grad von Unterordnung unter soziale Konventionen. Diese werden als von Gesellschaft und von Autoritätspersonen etabliert und durchgesetzt betrachtet. Personen mit autoritärem Charakter sind leicht durch Autorität zu beeinflussen, fordern aber auch von anderen Unterordnung unter die bestehende Autorität.

    In den Studien wird davon ausgegangen, dass gewisse Personen an einem "autoritären Syndrom" leiden, das diese, so wird unterstellt, in Ernstfall in die Arme eines genügend erstarkten autoritären Führers treiben würde. Altemeyer legt Wert darauf, zwischen Einstellung und effektivem Verhalten zu unterscheiden: das Verhalten ist das Ergebnis des Zusammenspiels von situationellen und individuellen Faktoren. - Eine wichtige, und in der Autoritarismus-Forschung leider viel zu selten gemachte Feststellung.
    2.2.2 Die RWA-Skala
    Angesichts der "schwerwiegenden Fehler" [19] der in den Studien zur Anwendung gekommenen Autoritarismus-Skala hat Altemeyer beschlossen, eine eigene Skala zur Messung von "rechtem Autoritarismus", die RWA-Skala, zu entwickeln. Eines der Hauptprobleme der ursprünglichen Autoritarismus-Skala ist, wie schon erwähnt, dass sie fast ausschliesslich "positive" Items enthält. Die RWA-Skala korrigiert dies, indem sie in gleichem Verhältnis positive (portrait-) und negative (contrait-) Items enthält. Ein weiteres Problem der ursprünglichen Skala ist die Tatsache, dass sehr unklar bleibt, was sie in Tat und Wahrheit misst. Die ihrer Konstruktion zugrundeliegenden psychoanalytisch beeinflussten Konzepte sind nur sehr schwer in soziologische Variablen zu übersetzen. Altemeyer versucht dem entgegenzuwirken, indem er nur Items verwendet, die Tendenzen zur Submission, zur Aggression und zum Konventionalismus messen sollen.
    Die RWA-Skala wurde von Altemeyer seit ihrer Entwicklung zahllose Male eingesetzt und hat, auch im Vergleich mit der ursprünglichen Autoritarismus-Skala, immer eine hohe Zuverlässigkeit gezeigt. Tests, ob die Versuchspersonen eine Vorstellung davon hätten, was die Skala zu messen beabsichtigte, ergaben wiederholterweise negative Resultate.
    2.2.3 Wie entsteht Autoritarismus?
    Stark zusammengefasst sehen die Studien Autoritarismus als Folge einer stark autoritären Erziehung durch Bestrafung von unkonventionellen Impulsen. Das Kind verdrängt seine Feindschaftlichkeit gegenüber den Eltern, was sich in Reaktionsformen von Unterwerfung unter und Glorifizierung der Eltern ausdrückt. Die unterdrückte Aggression verschiebt sich und wird auf verschiedene out-groups, die sich als "leichte" Ziele anbieten, projiziert. Die Problematik dieser Theorie liegt wie gesagt darin, dass sie nur sehr schwer empirisch umsetzbar ist. Konsequenterweise existieren nur wenige ernsthafte Versuche, dies zu tun. Altemeyer hat zudem einige solche Versuche unternommen, ohne eine Bestätigung für die Theorie zu finden.
    Im Versuch, die Autoritarismus-Theorie auf den Boden der sozialwissenschaftlichen Realität zu stellen, beruft sich Altemeyer auf die Theorie des sozialen Lernens. Autoritarismus ist erlernt: entweder bewusst durch die Eltern anerzogen, von den Eltern abgeschaut, oder durch Medien, peer-groups, etc. vermittelt. Autoritarismus ist auch geprägt durch die persönlichen Erfahrungen, die eine Person im Laufe ihres Lebens macht. Eltern, so Altemeyer, können den "Grundstein" für einen späteren Autoritarismus legen. Der eigentliche Autoritarismus, die Kombination von Unterwürfigkeit, Aggression und Konventionalismus bildet sich aber erst später heraus (Jugend) und kann sich im weiteren Verlauf eines Menschenlebens immer wieder wandeln.
    Auch diese Theorie ist nur schwer empirisch nachvollziehbar: nur das Resultat des "Autoritarisierungsprozesses" ist leicht messbar. Altemeyer hat dennoch versucht, Hinweise zur Gültigkeit seiner Theorie zu finden: er stellte seinen Testpersonen (Studenten an der Universität von Manitoba) die Frage, woher sie denn die Einstellungen hätten, die sie bei der Beantwortung der RWA-Fragen zum Ausdruck brächten (indem er sie die Fragen der RWA-Skala nochmals "im Sinne von ..." ausfüllen liess). Dabei kam er zu folgenden Ergebnissen: sowohl die Eltern, als auch die Religion, die Schule und die Medien haben bei den Individuen gemäss ihrer Selbsteinschätzung tendenziell eine Verstärkung autoritärer Einstellungen bewirkt. Peer-groups schwächen diese etwas ab. Einen äusserst positiven Einfluss (im Sinne einer Abschwächung autoritärer Einstellungen) hatten persönliche Erfahrungen. Dazu Altemeyer: "[personal experiences are] powerful supporters or revisers of what has previously been learned and are particularly likely to make students less authoritarian than they were originally inclined to be." [20] Personen mit hohen RWA-Werten haben deutlich weniger Erfahrungen mit "heiklen Themen", wie z.B. Kontakte mit Mitgliedern von Randgruppen, mit politischen Extremisten, etc. als Personen mit tiefen RWA-Werten. Dies ist einerseits sicherlich das Ergebnis von zufälligen Lebensumständen, andererseits aber auch das Resultat eines Prozesses der selbst-Selektion, der selbst-Ausschliessung der "Hohen". Die "Hohen" sind vermutlich weniger offen für Überraschungen, neue Ideen, etc. als die "Tiefen".
    2.2.4 Autoritäre Aggression
    Dass autoritäre Submission und Konventionalismus kovariieren ist relativ einleuchtend. Wieso aber autoritäre Aggression mit diesen beiden Variablen in Zusammenhang gebracht werden kann, bedarf einer genaueren Erläuterung. Autoritäre Aggression hat zwei grundlegende Merkmale: einerseits wird sie von den Individuen, die sie ausleben, als von einer höheren Autorität sanktioniert empfunden, sei dies von anderen Personen, von Politikern, oder gar von Gott. Andererseits richtet sie sich leicht und fast ausschliesslich gegen konventionelle Ziele sozialer Feindseligkeit wie z. B. gegen unkonventionelle Personen oder Minderheitengruppen (so entsteht die Korrelation mit Minderheitenfeindlichkeit). Autoritäre Aggression ist dennoch sozial weniger akzeptabel als autoritäre Submission und Konventionalismus und tritt daher weniger offen zutage. Altemeyer führt mehrere mögliche Begründungen für die Existenz von autoritärer Aggression und für ihr Kovariieren mit Submission und Konventionalismus auf. [21]
    • Psychoanalytisch. Autoritäre Aggression resultiert aus einem unterdrückten Hass gegen die strengen Eltern.
    • Einfluss kognitiver Prozesse. Autoritäre Aggression ist erlernt.
    • Kulturell. Die Kultur sozialisiert ihre Mitglieder zwecks Selbsterhaltung dazu, Autorität zu befolgen und Bräuche zu respektieren. Sie fördert auch bis zu einem gewissen Grad die Bestrafung von abweichendem Verhalten.
    • Angst. Submissive und konventionelle Personen sind besonders abhängig vom status quo. Wird dieser in Frage gestellt, so fühlen sie sich persönlich angegriffen. Dies provoziert Angst und Angst provoziert eine aggressive Abwehrreaktion.
    • Religion und Schuld. Aggression nach dem Prinzip "Wenn ich oft genug sogenannte Sünder bestrafe, dann werden meine Vorstellungen von Sünde vielleicht doch noch wahr." oder "Falls es, wie viele sagen, wirklich kein jüngstes Gericht geben sollte, dann müssen wir die Sünder jetzt bestrafen."
    • Schuldgefühle. Selbsthass führt zu Aggression nach aussen.
    • Neid. Vielleicht haben die anderen, die so schrecklich unkonventionell leben, ein leichteres Leben?
    • Selbstgerechtigkeit. Mit als genügend nobel empfundenen Zielen vor Augen kann fast jede Form von Aggression als gerecht wahrgenommen werden.
    • Frustration-Aggression (Berkowitz).

    In einer empirischen Überprüfung findet Altemeyer die Bestätigung für zwei der oben aufgeführten Erklärungsversuche: "Hohe" haben signifikant mehr Angst vor einer gefährlichen Welt und betrachten die Welt auch als wesenlich gefährlicher als "Tiefe", - und sie sind deutlich Selbstgerechter. Angst, so Altemeyer, befördert aggressive Regungen und Selbstgerechtigkeit nimmt die Hemmungen, diese auch auszuleben.
    2.2.5 Autoritarismus und Religion
    Basierend auf der Feststellung, dass Autoritarismus und starke Religiosität oft zusammengehen, macht sich Altemeyer an die Untersuchung dieser Zusammenhänge. Er stellt fest, dass "Hohe" oft über ein sehr widerstandsfähiges, selbstbestätigendes und geschlossenes System religiösen Glaubens verfügen, das Quelle sowohl autoritärer Aggression (Bestrafung von Sündern und religiöse Selbstgerechtigkeit), als auch autoritärer Submission und Konventionalismus sein kann:
    So the religion of authoritarians is all of a piece: a self-serving belief system, acquired in childhood and strongly reinforced thereafter, which requires no external confirmation and which can probably survive intact in the face of considerable discomfort. [22]
    Unabhängig von der Art des Glaubens der "Hohen" erscheinen Feindseligkeiten, die auf diesem basieren, sehr resistent gegen Veränderungen.
    2.2.6 Autoritarismus und Politik
    Autoritäre Personen zeigen in den Untersuchungen von Altemeyer die Tendenz, "Rechts" zu wählen. Diese Tendenz ist aber, werden alle Testpersonen berücksichtigt, nicht sehr stark. Berücksichtigt man nur die politisch interessierten Testpersonen, so verstärkt sich die gemessene Tendenz deutlich. Bei aktiven Politikern besteht ein extrem starker Zusammenhang zwischen Parteizugehörigkeit und RWA-Werten. [23] Aktive Politiker antworten sehr konsistent auf die einzelnen Items der RWA-Skala, was darauf hinweisen könnte, dass diese Dinge erfasst, die im Denken jener Personen klar geordnet und präsent sind.
    Altemeyer geht auch der Frage nach, ob es allenfalls einen linken Autoritarismus geben könnte. Auf diese Diskussion werde ich später zurückkommen.
    2.2.7 Gefahren und Umgang mit Autoritarismus
    Die "Hohen" in Altemeyers Studien anerkennen zwar oberflächlich die Errungenschaften der demokratischen, liberalen Gesellschaft. Diese Anerkennung könnte aber, so Altemeyer, leicht umgestossen und die "Hohen" so in den Dienst eines totalitären Regimes gebracht werden. Wie könnte die Entstehung von Autoritarismus eingedämmt werden?
    • Schule, Medien, Religion. Wichtig ist die Förderung des Kontaktes mit "anderen". Derartige Erfahrungen können mithelfen, autoritäre Vorurteile abzubauen. Gewisse Medien scheinen mit ihren Schreckensmeldungen die Angst vor einer gefährlichen Welt und somit autoritäre Aggression zu fördern. Religion fördert das Ausleben von autoritärer Aggression, wenn sie eine übersteigerte Selbstgefälligkeit lehrt.
    • Gesetz. "Hohe" respektieren staatliche Autorität und befolgen Gesetze. Daher müssen Gesetze zum Schutze von Minderheiten durchgesetzt werden.
    • Konformismus. Die Anziehungskraft von "neuen Hitlers" könnte reduziert werden, indem ihr Nonkonformismus, ihre Exzentrik (im Bezug auf die existierende Gesellschaft) betont wird. "Hohe" verabscheuen Personen, die konventionelle Werte angreifen (und genau das tun eigentlich "neue Hitlers").
    • Soziale Normen. "Hohe" haben den starken Wunsch, "normal" zu sein. Konsequenterweise sind sie sich der Extremheit ihres Autoritarismus oft nicht bewusst. Diese Personen auf die Extremheit ihrer Ansichten hinzuweisen, könnte in manchen Fällen hilfreich sein.

    2.3 Theoretische Zwischenbilanz
    An dieser Stelle will ich zwei Schlüsse aus den vorangegangenen Betrachtungen über Autoritarismus ziehen, die die Brücke zu der nun folgenden, empirischen Untersuchung des Phänomens bilden sollen.
    1. Autoritarismus ist ein komplexes, sozialpsychologisches Phänomen, dessen einzelne Komponenten sich erschöpfend unter den Überbegriffen "autoritäre Submission", "autoritäre Aggression" und "Konventionalismus" zusammenfassen lassen.
    2. Über die autoritäre Aggression entsteht eine Verbindung von Autoritarismus und Minderheitenfeindlichkeit: soziale und ethnische Minderheiten bieten sich als sozial mehr oder weniger akzeptable Ziele autoritärer Feindseligkeit an. Zudem vereinigen sie mehrere Eigenschaften, die als mögliche Quellen autoritärer Aggression identifiziert wurden: so stellen sie durch ihre Andersartigkeit kulturelle Werte und den status quo einer Gesellschaft in Frage. Eben diese Andersartigkeit und ihre im allgemeinen relativ grosse Distanz zum sozialen Umfeld autoritärer Personen macht sie zu einem idealen Ziel für (z. T. feindselige) Projektionen aller Art.


    3. Hypothesen und empirische Überprüfung
    Die eben abgeschlossenen theoretischen Betrachtungen sollen nun als Basis für eine empirische Untersuchng des "Phänomens Autoritarismus" [24] verwendet werden.
    Die hier sekundäranalytisch untersuchten empirischen Daten stammen aus einer 1995 vom soziologischen Institut der Universität Zürich und von der Hochschule Luzern durchgeführten Projekt des schweizerischen Nationalfonds zum Thema Das "Fremde" in der Schweiz - 1969 und 1995. Eine Replikationsstudie. Die im Rahmen dieser Studie durchgeführte Befragung (persönliche Interviews, 1338 ausgefüllte Fragebogen) darf als für die Bevölkerungsmitglieder der Stadt Zürich im Alter von 18 bis 64 Jahren repräsentativ gelten.
    Da in der eben beschriebenen "Zürcher Studie" keine Autoritarismus-Skala zur Anwendung gelangt ist, werde ich nun versuchen, aus den vorhandenen Variablen ein Mass zu konstruieren, mit dem es möglich sein soll, ein dem Autoritarismus zumindest nahestehendes Phänomen zu erfassen. Wie ich gleich erläutern werde scheinen mir für die Konstruktion dieses Masses die in der "Zürcher Studie" ermittelten Messwerte für Rigorismus und Anomie, sowie - zur Verfeinerung des Bildes - die politische Selbsteinschätzung auf der rechts-links-Skala besonders geeignet. Ich habe mich dabei zu folgender Vorgehensweise entschlossen: die Scores auf der Rigorismus- und der Anomieskala, sowie die politische Selbsteinschätzung auf der rechts-links-Skala sollen zur Bildung von verschiedenen Gruppen von Versuchspersonen herangezogen werden. Ziel ist, eine Gruppe von Personen zu finden, die sowohl hohe Rigorismus- als auch hohe Anomiewerte erreichen und die sich politisch rechts einordnen. Wie ich später darstellen werde, ist hinter einer solchen Gruppe ein dem Autoritarismus nahestehendes Phänomen zu vermuten. Die gefundenen Gruppen sollen anschliessend in Beziehung auf Faktoren wie Bildung, Alter, Beruf, Religiosität, usw. untereinander verglichen werden. Schliesslich will ich die Gruppen auf Unterschiede in ihrer mittleren Einstellung zu Ausländern hin untersuchen.

    3.1 Vorüberlegungen zur Gruppenbildung
    Nun folgt ist eine eingehende Betrachtung der zur Gruppenbildung herangezogenen Variablen, zusammen mit der Begründung für ihre Anwendung.
    3.1.1 Rigorismus
    Die in der "Zürcher Studie" angewandte Rigorismus-Skala wurde 1980 von J. Schenk in einer Forschungsnotiz über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Konservatismus und Autoritarismus vorgestellt. Ziel der Skala ist, rigorose moralische Prinzipien zu messen:
    Die Skala sollte eine Haltung erfassen, die man als konsequent, sogar als unerbittlich kennzeichnen kann. Die Bedeutung von Prinzipien wird in ihr hervorgehoben, Fehler werden nicht toleriert und begangenen Fehlern folgen sofort Sanktionen. [25]
    Items
    In den Fragebogen der "Zürcher Studie" wurden nur sechs der ursprünglich 16 Items der Schenkschen Skala aufgenommen. Diese sechs Items sind aus Aufstellung 1 ersichtlich.
    • Frage 1: "Wer A sagt muss auch B sagen, sonst hätte er von Anfang an ruhig sein können."

    • Frage 2: "Es hat keinen Sinn, eine Freundschaft weiterzuführen, wenn der Partner das Vertrauen einmal gebrochen hat."
    • Frage 3: "Ein erwachsener Mensch muss unbedingt klare und feste Richtlinien haben."
    • Frage 4: "Man kann von jedem einzelnen verlangen, dass er immer sein Bestes gibt, wie auch immer die Umstände sind."
    • Frage 5: "Man kann einem Menschen, wo einmal gelogen hat, nicht mehr vertrauen."
    • Frage 6: "In ein Geschäft, wo man einmal nicht gut bedient worden ist, sollte man nicht wieder gehen."
    Aufstellung 1: Items der Rigorismus-Skala. Antworten wurden auf der Basis -2 ("stimme gar nicht zu") bis +2 ("stimme vollständig zu") gegeben.
    Von welchen Richtlinien sich Schenk beim Verfassen der einzelnen Items leiten liess, geht bedauerlicherweise nicht aus der eben erwähnten Forschungsnotiz hervor. Ebenso kann nur darüber spekuliert werden, wie Schenk die (verbale) Beziehung seiner Items zu Autoritarismus und Konservatismus sah. Die Originalskala enthält Items, die sowohl konventionelle als auch submissive und aggressive (im Sinne einer Bestrafung von abweichendem Verhalten) Elemente durchscheinen lassen, die Betonung liegt allerdings immer auf der Notwendigkeit eines "rigiden", "regelgeleiteten" Verhaltens der Menschen. Ein typisches, nur in der Originalskala vorhandenes Item lautet wie folgt: "Wenn man erst einmal Ausnahmen und Milderungsgründe zulässt, haben Gesetze bald keine Geltung mehr; dann wird sich jeder auf seine ganz besondere Situation berufen und Milde fordern." Items, die wie dieses eine klar aggressive Komponente enthalten, sind meiner Ansicht nach bei der Auswahl der Items für die "Zürcher Studie" zu wenig berücksichtigt worden. Auch in der Originalskala nicht vorhanden sind Items, die den "gefährlichen" oder "heruntergekommenen" Zustand der heutigen Welt betonen. Auf dieses Thema werde ich im Abschnitt "Anomie" zurückkommen.
    Auffällig an den in der "Zürcher Studie" verwendeten Items ist die Stereotypie der gemachten Aussagen. Ob diese Art von Stereotypie gleichzusetzen ist mit "rigorosen moralischen Prinzipien", oder ob sie nur einem stark vereinfachenden Weltbild entspricht, müsste genauer untersucht werden.



    Skalenkonstruktion
    Bei der Konstruktion der Rigorismus-Skala wurden nur die ersten fünf der im Fragebogen verwendeten Items verwertet, da sich die Einbeziehung des sechsten Items negativ auf die Reliabilität der Skala auswirkte. Eine Faktoranalyse [26] ergab für diese fünf Items eine einzige Dimension. Die Rigorismus-Scores wurden nach dem Muster 25-(Antwort1+Antwort2+...+Antwort5) errechnet und konnten somit Werte von 0 ("nicht rigoristisch") bis 20 ("stark rigoristisch") annehmen. Der Mittelwert aller Fälle lag bei 9.8, was ziemlich genau der "neutralen" Antwort "stimme teils-teils zu" entspricht. Die Skala erreichte mit den vorliegenden Daten eine Alpha-Reliabilität von 0.71, was, berücksichtigt man die geringe Item-Zahl, als guten Wert angesehen werden kann.

    Verankerung von Rigorismus in der Sozialstruktur
    In diesem Abschnitt soll die Verankerung von Rigorismus in der Sozialstruktur untersucht werden.
    Altersgruppe
    Rigorismus-Scores
    18-29 9.1
    30-39 8.6
    40-49 9.6
    50-59 11.3
    60-65 12.1
    Tabelle 1: Mittlere Rigorismus-Scores nach Altersgruppen
    Aus Tabelle 1 ist ersichtlich, dass die durchschnittlichen Rigorismus-Scores mit zunehmendem Alter mehr oder weniger linear ansteigen. Die möglichen Einflüsse der Variable "Alter" auf andere soziologische Variablen sind äusserst komplex (z.B. über Alters-, Generations- und Periodeneffekte) und schwer zu definieren. Daher will ich vorläufig bei dieser einfachen Feststellung bleiben. Ich werde allerdings im weiteren Verlauf dieses Textes noch einmal auf das Thema "Alter und soziologische Variablen" zurückkommen.

    Zwischen Geschlecht und Rigorismus-Scores konnte kein Zusammenhang festgestellt werden.
    Zuletzt abgeschlossene Schule
    Rigorismus-Scores
    Primarschule 12.5
    Sekundar-, Real-, Bezirksschule 11.6
    Lehre, Berufsschule 10.7
    Höhere Fachschule 8.9
    Mittelschule 8.2
    Technikum 10.0
    Hochschule 8.2
    Tabelle 2: Mittlere Rigorismus-Scores und Bildung
    Tabelle 2 zeigt die sehr deutlichen Zusammenhänge zwischen der zuletzt abgeschlossener Ausbildung und den gemessenen Rigorismus-Scores. Diese Zusammenhänge lassen sich auf mehreren Wegen erklären. Einerseits könnten Absolventen einer höheren Ausbildung gelernt haben, dass die meisten Fragen mehrere Antworten haben und dass somit allzu einfachen Lösungen, wie sie von den Rigorismus-Items angeboten werden, zu misstrauen sei. Andererseits kann ein generell dem offenen Denken verpflichtetes soziales Umfeld an gewissen Bildungsanstalten zum Abbau von rigoristischen Denkmustern führen. Für diese These sprechen die deutlich unterschiedlichen Rigorismus-Scores von Absolventen des Technikums und Absolventen einer Mittelschule.

    Berufsstatus und Rigorismus-Scores korrelieren mit -0.26. Diese Korrelation sinkt jedoch auf die Hälfte, wenn man sie in Bezug auf Bildung kontrolliert. Auf diese relativ unbedeutende Beziehung soll hier nicht mehr weiter eingegangen werden. Was das Einkommen betrifft, enthebt mich die Statistik der Versuchung, nach einer möglichen Beziehung zu Rigorismus zu suchen: zwischen dem Rigorismus-Score einer Person und ihrem Monatseinkommen besteht kein statistisch signifikanter Zusammenhang.

    Fazit: Von den fünf untersuchten sozialstrukturellen Variablen haben nur zwei einen begründbaren Einfluss auf die gemessenen Rigorismus-Scores: Alter und Bildung. Diese Einflüsse sind zudem relativ schwach: in einer multiplen Regressionsrechnung erklären Alter und Bildung gemeinsam und zu etwa gleichen Teilen weniger als 13% der Varianz von Rigorismus (zur Berechnung der Regression wurde die Variable "Bildung" in eine sogenannte Dummy-Variable mit den Ausprägungen "0" für "übliche minimale Ausbildung bis und mit Berufslehre" [27] und "1" für "höhere Ausbildung" [28] umgeformt). Rigorismus scheint also ein Phänomen zu sein, dass sich im gesamten Gesellschaftsspektrum finden lässt.

    Spekulationen über die möglichen Ursachen von Rigorismus
    Die Frage, wie bestimmte Personen zu ihren rigoristischen Einstellungen kommen, kann aufgrund der vorliegenden Daten wahrscheinlich nicht beantwortet werden. Diese Tatsache soll mich aber nicht daran hindern, an dieser Stelle einige Spekulationen zum Thema anzustellen. Auf meiner Suche nach rigoristischem Gedankengut bin ich auf die Reden Ch. Blochers als unerschöpfliche Quelle von Beispielen ebendieser Geisteshaltung gestossen. Blocher darf - sicherlich aus ureigenstem Interesse - als Spezialist in Sachen Rigorismus gelten. In einer Passage seiner Replik zum Eizenstat-Bericht antwortet er auf den Vorwurf Eizenstats, die Schweiz habe nach dem 2. Weltkrieg, insbesondere während der Verhandlungen zum Washingtoner Abkommen, eine "legalistische" Haltung eingenommen. Blocher redet dabei einer Art "Staats-Rigorismus" das Wort:
    Was heisst Legalismus? Es heisst nichts anderes als das strikte Befolgen von Gesetzen! Hier geht es um die Souveränität des Kleinstaates. Denn der Kleinstaat hat immer nur das Recht auf seiner Seite und nicht die Macht. [...] Der Kleinstaat darf sich nicht dem Druck, nicht dem modischen Zeitgeist, nicht dem momentanen Trend beugen. Der in seiner Macht beschränkte Kleinstaat hat kaum je grosse Gesten und grosse Worte anzubieten [Hervorhebungen im Original]. [29]
    Die rhetorische Form dieser Textpassage fordert geradezu die Umformung der enthaltenen Aussage auf ein individuelles Niveau: ein Gefühl der Machtlosigkeit und Verunsicherung gegenüber scheinbar regellosen, "modischen" Veränderungen in der Umwelt kann eine idealisierende "Rückbesinnung" auf das, "was eigentlich richtig ist", auf die "richtigen", fassbaren Gesetze und Normen bewirken. Ältere und weniger gebildete Personen sind vermutlich anfälliger auf dieses Gefühl des "nicht-mehr-mitkommens". Eine mögliche Quelle von Rigorismus.
    Relevanz für die Gruppenbildung
    In der eingangs dieses Abschnittes erwähnten Forschungsnotiz weist Schenk nach, dass Konservatismus, Autoritarismus und Rigorismus sehr hoch miteinander korrelieren (jeweils im Bereich von r=.65). Zudem zeigt er, dass Autoritarismus wesentlich stärker mit Anomie korreliert, als dies Konservatismus tut (einer der Unterschiede zwischen Konservatismus und Autoritarismus). Rigorismus und Anomie bringt er leider nicht miteinander in Verbindung. Die hohe Korrelation, die Schenk zwischen Rigorismus und Autoritarismus festgestellt hat, erstaunt nicht weiter, wird berücksichtigt dass - wie ich es eben gezeigt habe - in den einzelnen Items der Rigorismus-Skala die drei "Erkennungsmerkmale" des Autoritarismus anklingen: Submission, Aggression und Konventionalismus. Generell kann also davon ausgegangen werden, dass die von Schenk entwickelte Rigorismus-Skala etwas dem Autoritarismus relativ ähnliches misst und daher als Merkmal zum Auffinden einer autoritaristischen Personengruppe verwendet werden kann.
    3.1.2 Anomie
    Zwischen Anomie- und Autoritarismus-Werten wurden allgemein hohe Korrelationen festgestellt (siehe dazu z.B. den oben erwähnten Artikel von Schenk). Dies ist unter anderem sicherlich darauf zurückzuführen, dass beide Skalen oft relativ ähnliche Items enthalten. Besonders deutlich zeigt dies ein Vergleich zwischen der RWA-Skala von Altemeyer und der in der "Zürcher Studie" zur Anwendung gelangten Anomieskala von L. Srole. Die Items der RWA-Skala, die auf die Messung von autoritärer Aggression abzielen, beginnen jeweils mit den Anomie-Items recht ähnlichen Aussagen ("The way things are going in this country ...", "The facts of crime, aaaual immorality, and the recent public disorders ...", "In these troubled times ...") [30] verglichen mit ("Alles ist heute so unsicher...", "Das Schlimme an der heutigen Zeit ist, dass den Leuten die alten Traditionen und Gewohnheiten gar nichts mehr bedeuten.") [31]. Der Unterschied besteht darin, dass es bei den Anomie-Items jeweils bei der simplen Aussage über eine "unsichere Welt" bleibt, wohingegen die Autoritarismus-Items einen Schritt weiter gehen: bis zur Nennung von Sündenböcken und der "angemessenen" Bestrafung derselben ("In these troubled times laws have to be enforced without mercy, especially when dealing with the agitators and revolutionaries who are stirring things up.") [32]. Die dahinterstehende Annahme besteht darin, dass Angst vor einer "unsicheren, sozial desintegrierten Welt" die Suche nach dafür "verantwortlichen" Gruppen (Sündenböcken) und deren autoritär-aggressive Bestrafung hervorruft. Eine ähnliche These wollte übrigens Srole mit der Entwicklung der Anomieskala testen, dass nämlich "social malintegration, or anomia, in individuals is associated with a rejective orientation towards out-groups in general and towards minority groups in particular." [33]
    Wie im Abschnitt "Rigorismus" festgestellt wurde, betont die in der "Zürcher Studie" verwendete, gekürzte Form der Rigorismus-Skala hauptsächlich submissive und konventionalistische Elemente. Mit der Einbeziehung von Anomie als Merkmal für die Gruppenbildung erhoffe ich mir auf indirektem Wege eine bessere Erfassung von (autoritärer) Aggression.

    Die hier zur Anwendung gelangte Anomieskala hat in den vorliegenden Daten bei 6 Items und 2 Antwortkategorien eine Alpha-Reliabilität von 0.61 erreicht. Für eine Auflistung der Fragebogen-Items, siehe Anhang A. Tabelle 3 zeigt eine Matrix der bivariaten Korrelationen von Anomiewerten mit verschiedenen sozialstrukturellen Variablen.

    Anomia Bildung Berufsstat. Einkommen
    Bildung -.27
    Berufsstat. -.26 .49
    Einkommen -.11 .28 .31
    Geschlecht .10 -.16 -.14 -.41
    Alter .24 -.16 -.10 .26
    Tabelle 3: Matrix der einfachen Korrelationen. Alle Werte sind signifikant (p<0.000).
    Wie sich zeigt gehen Anomie und Rigorismus sehr ähnlich mit den verschiedenen Variablen der Sozialstruktur zusammen. Bildung, Berufsstatus und Alter erklären 13% der Varianz von Anomie. Der Einfluss der Variablen Einkommen und Geschlecht auf die Varianzerklärung ist unbedeutend.
    3.1.3 Die politische Selbsteinschätzung auf der rechts-links-Skala
    Über eines der konsistentesten Ergebnisse der Autoritarismus-Forschung, nämlich dem, dass hohe Autoritarismus-Werte fast immer bei politisch rechts stehenden Personen gefunden werden, ist heftig und polemisch diskutiert worden. [34] Ausgangspunkt dieser Diskussion war die Feststellung, dass linke wie rechte Extremisten eine gewisse "Härte im Denken" (Eysenck), oder einen gewissen "Dogmatismus" (Rokeach) an den Tag legen. Dazu kam, dass zumindest in Amerika während längerer Zeit der Kommunismus als grössere Gefahr für die Gesellschaft angesehen wurde als der Faschismus (McCarthy-Ära). Leider blieb es oft bei der theoretischen Kritik. Empirische Resultate finden sich wenige bis keine und eine Skala, die bei Rechts- und Linkaaatremisten ähnliche Werte ergibt, existiert meines Wissens nicht.
    Auf diese Diskussion kann hier nicht mehr weiter eingegangen werden. Ich stelle mich auf folgende Position: die Autoritarismus-Skalensätze messen eine rechte Ideologie. Extrem links stehende Personen neigen sogar dazu, die "autoritären" Items kategorisch (ebenfalls aus ideologischen Gründen?) abzulehnen. [35] Ob es ein linkes Phänomen gibt, das dem des Autoritarismus ähnlich ist, müsste mit geeigneten Methoden erforscht werden (was bis heute nicht in überzeugender Weise getan wurde). Dass autoritäre Personen politisch rechts stehen, soll aber nicht zum Trugschluss führen, dass alle Personen, die politisch rechts der Mitte stehen, über eine autoritäre Einstellung verfügen müssen. Konservatismus ist hier ein Schlüsselbegriff: politisch meist rechts der Mitte eingeordnet kann er (muss nicht) Ausdruck einer festen Verankerung in der sozialen Welt und einer gewissen Zufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen sein. Faktoren, die sich hemmend zumindest auf die Tendenz zur autoritären Aggression auswirken sollten.
    Die Rigorismus- und die Anomieskala erfassen zusammen ein dem Autoritarismus vermutlich relativ nahestehendes Phänomen. Vom Einbezug der politischen Selbsteinschätzung in meine Suche nach einer autoritaristischen Personengruppe erhoffe ich mir eine Verfeinerung des durch diese beiden Skalen gezeichneten Bildes.
    Tabelle 4 zeigt die relativ unbedeutenden Korrelationen der politischen Selbsteinschätzung mit verschiedenen sozialstrukturellen Variablen.

    Selbsteins. Bildung Berufsstat. Einkommen
    Bildung -.15
    Berufsstat. -.12 .49
    Einkommen .18 .28 .31
    Geschlecht -.05* -.16 -.14 -.41
    Alter .23 -.16 -.10 .26
    Tabelle 4: Matrix der einfachen Korrelationen. Alle Werte, bis auf einen (*), sind signifikant (p<0.000).

    3.2 Gruppenbildung
    Zur Bildung von Personengruppen soll das K-Means Cluster-Verfahren von SPSS PC verwendet werden. Dieses Verfahren bildet Gruppen dergestalt, dass sich die Fälle in einer einzelnen Gruppe möglichst ähnlich, die Gruppen untereinander aber möglichst verschieden sind. Über die Zahl der zu bildenden Gruppen kann nicht mit formalen (d. h. empirischen) Hilfsmitteln entschieden werden. Ziel ist, eine genügend grosse Differenzierung zu ermöglichen, ohne die Interpretation und Unterscheidung der gebildeten Gruppen unnötig zu erschweren.
    Es soll, wie gesagt, eine Gruppe von hoch anomischen, hoch rigoristischen und politisch rechts stehenden Personen gefunden werden. Zwei oder drei Gruppen zu bilden schien mir als zu wenig differenzierend. Bereits ab vier Gruppen zeichnete sich die gesuchte Gruppe ab. Schlussendlich habe ich mich für die Bildung von sechs Gruppen entschieden. Tabelle 5 zeigt die gefundenen Cluster-Zentren und die Zahl der den Clusters zugeordneten Fälle.
    Cluster
    Rigorismus Anomia Links-Rechts Fälle
    1 0.95 1.13 0.06 230
    2 -0.57 -0.74 0.64 194
    3 -0.60 -0.86 -0.97 288
    4 0.74 -0.48 0.65 215
    5 0.84 1.27 1.59 103
    6 -0.93 0.54 -0.71 188
    Tabelle 5: z-Werte der Cluster-Zentren
    Als Interpretationshilfe enthält Tabelle 6 eine "Übersetzung" obiger z-Werte in die ihnen jeweils ungefähr entsprechenden Antworten auf die im Fragebogen gestellten Fragen.
    Cluster
    Mittlere Antwort auf Rigorismus-Items (ca.) Antwort auf Anomie-Items (ca.) Links-Rechts
    1=links, 10=rechts
    1 "stimme eher zu" 4-5 * einverstanden 5
    2 "stimme teils-teils zu" 1 * einverstanden 6
    3 "stimme teils-teils zu" 1 * einverstanden 3
    4 "stimme eher zu" 1-2 * einverstanden 6
    5 "stimme eher zu" 4-5 * einverstanden 7.5
    6 "stimme eher nicht zu" 3 * einverstanden 3.5
    Tabelle 6: "Übersetzung" der Cluster-Zentren
    Über die Angemessenheit dieser Gruppenbildung kann wie gesagt empirisch nicht entschieden werden, sie muss sich in der weiteren Verwendung der Gruppen erweisen.
    Nachfolgend will ich eine vorläufige, eher illustrativ gemeinte Interpretation der einzelnen Gruppen versuchen. Die Begründung für die gewählte Charakterisierung der Gruppen und ihre empirische Überprüfung folgt später.
    Gruppe 1: Da die Mitglieder dieser Gruppe sowohl auf der Anomieskala als auch auf der Rigorismus-Skala hohe Werte erreichen, sich politisch aber nahe am "neutralen Punkt" einordnen, könnte hinter dieser Gruppe eine Art "Autoritarismus der Mitte" vermutet werden (da die Rigorismus- und die Anomieskala zusammen, wie oben erläutert, etwas dem Autoritarismus relativ ähnliches messen).
    Gruppe 2: Die Mitglieder dieser Gruppe erreichen im Schnitt "neutrale" Rigorismus- und tiefe Anomiewerte, ordnen sich auf der politischen Skala aber etwas rechts der Mitte ein. Hinter dieser Gruppe vermute ich eine Klasse von Personen die, gesellschaftlich arriviert und relativ zufrieden mit ihren Lebensumständen, zu einem gewissen politischen Konservatismus gefunden haben. Ich bin versucht, diese Personen als typische Wähler der Freisinnig-demokratischen Partei der Schweiz zu beschreiben.
    Gruppe 3: Diese Gruppe ist vermutlich am weitesten vom Phänomen eines rechten Autoritarismus entfernt. Sie wirkt wie das Spiegelbild der Gruppe 2 auf dem linken Teil des politischen Spektrums. Um die Parteien-Zuordnung weiterzuführen: typische Wähler der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz.
    Gruppe 4: Die Bedeutung dieser Gruppe ist mir unklar. Sie wirkt wie eine wesentlich rigoristischere Variante der Gruppe 2. Der durchschnittliche Rigorismus dieser Personengruppe ist aber eindeutig zu hoch, als dass ich sie mit dem, was ich unter Konservatismus verstehe in Verbindung bringen könnte.
    Gruppe 5: Die gesuchte Gruppe. Die Mitglieder dieser Gruppe sind sicherlich dem Phänomen eine rechten Autoritarismus am nächsten.
    Gruppe 6: Eine Gruppe von Linken mit relativ hohen Anomiewerten und tiefen Rigorismus-Werten.
    Hier muss noch erwähnt werden, dass es sich beim Autoritarismus selbstverständlich um ein graduelles Phänomen handelt. D. h. es gibt keinen einfachen Gegensatz "autoritäre" - "nicht-autoritäre", vielmehr sind die einzelnen Gruppen als dem "Phänomen Autoritarismus" mehr oder weniger nahestehend zu interpretieren. Wie gesagt ist diese erste Beschreibung der Gruppen illustrativ zu verstehen. Der nun folgende Vergleich der Gruppen untereinander soll diesen mehr "empirische Tiefe" verleihen.
    Die folgende Liste zeigt die schlagwortartigen Bezeichnungen der einzelnen Gruppen, wie ich sie von nun an verwenden will. Die Gruppen sind in aufsteigender Reihenfolge geordnet nach ihrer (vermutlichen) relativen Distanz zum "Phänomen Autoritarismus":
    Gruppe 5: "Rechte Autoritäre"
    Gruppe 1: "Autoritäre der Mitte"
    Gruppe 4: "Rigoristische Rechte"
    Gruppe 2: "Arrivierte Rechte"
    Gruppe 3: "Arrivierte Linke"
    Gruppe 6: "Anomische Linke"

    [Inhalt]
    3.3 Bildung im Gruppenvergleich
    3.3.1 Theorie
    Der positive Einfluss von (höherer) Bildung auf Autoritarismus kann auf mehreren Wegen erfolgen. Der direkte Einfluss des an den verschiedenen Bildungsinstituten Gelehrten ist vermutlich relativ gering. [36] Ein erster, starker Einfluss erfolgt vielmehr über das jeweilige soziale Umfeld und über die in diesem Umfeld gemachten Erfahrungen. Altemeyer bringt diese Feststellung wie folgt auf den Punkt: "Social attitudes may change as much over beers as over books." [37]. Unter "sozialem Umfeld" ist ein generell dem offenen Denken verpflichtetes Umfeld an den (Hoch-) Schulen zu verstehen. Mit "Erfahrungen" sind die zahlreichen Kontakte gemeint, die eine bestimmte Person im Rahmen ihrer Ausbildung macht. Persönliche Kontakte, z.B. mit Angehörigen von Randgruppen (Ausländern, Homoaaauellen, etc.) und die Feststellung, dass dies "ja auch ganz normale Menschen seien" können das Weltbild einer Person nachhaltiger beeinflussen als stetige Beteuerungen, dass es "nicht gut" sei, mit einem geschlossenen Weltbild zu leben. Daraus folgt, dass nicht jede Art von (höherer) Bildung einen positiven Einfluss auf Autoritarismus haben muss. Meloen [38] erwähnt zwei Studien, die gleichbleibende (bei einer Gruppe von Mexikanischen Studenten) oder gar höhere Autoritarismus-Werte (bei einer bestimmten Studentengruppe in Westdeutschland) nach der Ausbildung gemessen haben.
    Ein zweiter, positiver Einfluss von Bildung auf Autoritarismus erfolgt vermutlich dadurch, dass (höhere) Bildung es zahlreichen Personen ermöglicht, in ihrer Gesellschaft zentralere Positionen einzunehmen und grundlegende Ziele zu erreichen. Dies Reduziert ihr Bedürfnis, sich mit rigiden Gedankengebäuden und in-group/out-group - Denken eine "schein-heile" Welt zu schaffen.
    Obige Erklärungen führen mich zur folgenden deskriptiven Hypothese:
    Hypothese 1: Die Gruppen der "Arrivierten" weisen eine signifikant höhere Bildung auf als die Gruppen der "Autoritären". Es ist anzunehmen, dass mehr "Autoritäre" als "Arrivierte" "nur" die "übliche minimale Ausbildung bis und mit Berufslehre" (Primar-, Sekundar-, Real- und Bezirksschule, Lehre und Berufsschule) genossen haben, beziehungsweise, dass mehr "Arrivierte" als "Autoritäre" eine höhere Ausbildung vorweisen können (Höhere Fachschule, Mittelschule, Technikum, Hochschule).
    3.3.2 Datenauswertung
    Tabelle 7 zeigt die Gruppen im Verhältnis zur zuletzt abgeschlossenen Bildung. Ich habe die beiden Gruppen der "Arrivierten" bzw. der "Autoritären" jeweils zu einer zusammengefasst, da mir dies aufgrund der sehr ähnlichen Verteilungen in der jeweiligen Gruppen sinnvoll erschien.
    Fälle
    Spaltenprozent Autoritäre Arrivierte Rigorist.
    Rechte Anomische
    Linke Total
    Primarschule
    11
    3.3 4
    0.8 2
    0.9 0
    0.0 17
    1.4
    Sekundar-, Real-, Bezirksschule 39
    11.7 18
    3.7 12
    5.6 5
    2.7 74
    6.1
    Lehre, Berufs-, Handelsschule 200
    60.1 164
    34.0 124
    57.7 89
    47.3 577
    47.4
    Höhere Fachschule
    30
    9.0 92
    19.1 32
    14.9 21
    11.2 175
    14.4
    Mittelschule
    19
    5.7 63
    13.1 11
    5.1 29
    15.4 122
    10.0
    Technikum
    13
    3.9 17
    3.5 4
    1.9 8
    4.3 42
    3.4
    Hochschule
    21
    6.3 124
    25.7 30
    14.0 36
    19.1 211
    17.3
    Total 333 482 215 188 1218
    Tabelle 7: Personengruppen und Bildung
    Aus Tabelle 7 sind die deutlichen Bildungsunterschiede zwischen den Gruppen der "Arrivierten" und der "Autoritären" ersichtlich. 60 Prozent der "Autoritären" haben ihre Ausbildung mit der Lehre (bzw. mit der Berufs- oder Handelsschule) abgeschlossen, verglichen mit nur 34 Prozent der "Arrivierten". 26 Prozent der "Arrivierten" haben ihre Ausbildung mit einem Hochschulstudium abgeschlossen, verglichen mit nur 6 Prozent der "Autoritären". Die Hypothese 1 hat sich hiermit als richtig erwiesen.

    3.4 Alter im Gruppenvergleich
    3.4.1 Theorie
    Um Zusammenhänge zwischen Alter und Verhaltensweisen von Individuen zu erklären wird oft ein Modell angewandt, das drei Effekte unterscheidet: Alterseffekte, Generationseffekte und Periodeneffekte. [39] Alterseffekte treten im Zusammenhang mit dem Alterungsprozess einer Person auf: die Verschlechterung des Gesundheitszustandes im Alter ist ein typischer Alterseffekt. Generationseffekte treten im Zusammenhang mit der Generation auf, in die eine bestimmte Person geboren wurde und in der sie lebt. Dass ältere Personen oft eine tiefere Bildung haben als jüngere kann als Generationseffekt interpretiert werden: früher war das Bildungsangebot schlechter als heute. Periodeneffekte treten im Zusammenhang mit einschneidenden historischen Ereignissen auf. So können ältere Generationen z.B. einen Krieg miterlebt haben, jüngere hingegen nicht. Die erwähnten Effekte klar voneinander zu trennen ist wohlgemerkt fast unmöglich. Schon eine genauere Betrachtung des vielleicht eindeutigsten Alterseffekts, der physischen Alterung, zeigt dies: gehört jemand zu der Generation von Personen, die in ihrer Jugend dazu erzogen wurden, sich die Zähne täglich mit Fluorzahnpasta zu putzen, so werden seine Zähne mit dem Alter weniger rasch schlecht werden als die einer vergleichbaren Person, die zu einer Zeit geboren wurde, als diese Gesundheitsvorsorge noch nicht üblich war. In diesem Beispiel überlagern sich Alters- und Generationseffekte.
    Die vorangegangenen Erläuterungen sollen die Komplexität der Zusammenhänge zwischen dem Lebensalter von Personen und den verschiedenen sozialen Variablen aufzeigen, die zur Beschreibung dieser Personen herangezogen werden können. Eine Komplexität die es verunmöglicht, klare Zusammenhänge zwischen dem Lebensalter und anderen Variablen zu postulieren. Andeutungsweise will ich dennoch versuchen, einige mögliche Einflüsse des Lebensalters und insbesondere der im Verlauf eines Lebens gemachten Erfahrungen auf die autoritäre Einstellung einer Person aufzuzeigen. Dabei will ich bei einer Feststellung von B. Altemeyer anknüpfen: nämlich der, dass Elternschaft Autoritarismus-Werte ansteigen lässt. [40]
    Mit der Dauer eines Lebens erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person in Positionen kommt, in denen sie Autorität über andere Personen hat. Sei dies als Elternteil gegenüber ihren Nachkommen, oder aber als Vorgesetzter bei der Arbeit, usw. Derartige Autorität bedarf einer Legitimation. Einerseits auf sozialer Ebene: die Autorität sollte über die Fähigkeiten einer Person, ihre Anzienität, usw. legitimiert sein. Andererseits oft auch auf interpersoneller Ebene: fragt ein Kind seine Mutter, wieso es eine bestimmte Sache nicht tun dürfe, so sollte die Mutter eine Erklärung für ihr Verbot geben können. Eine derartige Erklärung jeweils sachlich zu begründen (sofern dies überhaupt möglich ist) ist mit sehr hohem Aufwand für die Mutter verbunden. Einen Ausweg bietet das Zurückfallen auf autoritäre Muster: die Mutter kann antworten: "Weil ich es sage!" (fordert Submission), "Weil es so ist!" (fordert Konventionalismus und betont gleichzeitig die höhere Legitimität der Ansichten der Mutter gegenüber den Ansichten des Kindes auf sozialer Ebene) oder "Weil ich dich sonst bestrafe!’" (Aggression). Das Bedürfnis, autoritäre Entscheide und Befehle zu begründen, insbesondere wenn diese oft hinterfragt werden (Eltern-Kind-Beziehung, beruflicher Aufstieg) kann also aus quasi "utilitaristischen" Gründen zum Rückgriff auf autoritäre Erklärungsmuster führen. Da die Zahl derartiger Situationen mit der Dauer eines Menschenlebens zunehmen, dürfte diese Variable für sich genommen einen positiven Zusammenhang von Autoritarismus und Alter bewirken. Weitere Tatsachen sprechen für einen positiven Zusammenhang von Alter und Autoritarismus: Anomie nimmt mit dem Alter (leicht) zu und ältere Personen sind aufgrund eines Generationseffektes (kleineres Bildungsangebot früher) im Schnitt weniger gebildet als jüngere. Dies führt mich zu folgender Hypothese:
    Hypothese 2: Die Gruppen der "Autoritären" weisen ein höheres Durchschnittsalter auf als die Gruppen der "Arrivierten".

    3.4.2 Datenauswertung
    Tabelle 8 zeigt die in der vorliegenden Untersuchung gemessenen Durchschnittsalter der sechs Gruppen.
    Gruppe
    Durchschnittsalter
    1: Autoritäre der Mitte 45
    2: Arrivierte Rechte 38
    3: Arrivierte Linke 37
    4: Rigoristische Rechte 42
    5: Rechte Autoritäre 50
    6: Anomische Linke 37
    Tabelle 8: Durchschnittsalter der sechs Gruppen. F=26.0, p<0.000 [41]. Die Gruppen 1, 4 und 5 unterscheiden sich signifikant, sowohl untereinander, als auch von den Gruppen 2,3 und 6 [42].
    Tabelle 8 zeigt die Bestätigung für die zweite Hypothese: die "Autoritären" sind im Schnitt deutlich älter als die "Arrivierten". Besonders klar hebt sich die Gruppe der "rechten Autoritären" ab: ihr Durchschnittsalter liegt ca. 12 Jahre über dem der "Arrivierten".

    3.5 Geschlecht, Berufsstatus und Einkommen im Gruppenvergleich
    Im Bezug auf das Geschlecht sind aufgrund der empirischen Resultate zu den einzelnen Gruppenbildungsmerkmale keine Unterschiede zwischen den Gruppen zu erwarten und es wurden auch keine gefunden [43]. Dasselbe gilt für die Höhe des Einkommens. Zwischen dem Berufsstatus und der "Gruppenzugehörigkeit" erfasst als 0="Arrivierte" (rechte und linke) und 1="Autoritäre" (rechte und der Mitte) besteht eine negative Korrelation von -0.32. Kontrolliert man diese Beziehung bezüglich der Variable Bildung, so sinkt die Korrelation auf die Hälfte. Dies reicht vermutlich nicht zur Erklärung des gemessenen Zusammenhanges, soll aber hier nicht weiter verfolgt werden.

    3.6 Religiosität im Gruppenvergleich
    3.6.1 Theorie
    Autoritäre Personen scheinen ein gewisses Bedürfnis nach strikten Regeln und Konventionen zu haben. Religion kann, muss aber nicht, eine Quelle von solchen Regeln sein. Dies liesse darauf schliessen, dass autoritäre Personen stärker religiös sind, als nichtautoritäre. Zudem kann das Festhalten dieser Personen an überlieferten Werten dazu führen, dass sie weniger als ihre nichtautoritären Gegenpole die von ihren Eltern übernommenen religiösen Werte hinterfragen.
    Die gemessenen Unterschiede dürften aber nicht besonders stark sein, da, zumindest wenn man den Antworten auf die im Fragebogen aufgeführten Religiositäts-Items Glauben schenkt, die Religiosität beim Durchschnitt der befragten Personen keine überragende Rolle spielt. Die 4 "religiösen Aussagen" des Fragebogens wurden im Schnitt als "teils-teils" bis "weniger" zutreffend taxiert, Tendenz: "weniger zutreffend". [44]
    Diese Überlegungen führen mich zur dritten Hypothese:
    Hypothese 3: Es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen Religiosität und Autoritarismus.
    3.6.2 Datenauswertung
    Tabelle 9 zeigt die Mittelwerte der einzelnen Gruppen auf der von 0 bis 16 Punkten reichenden Religiositäts-Skala der "Zürcher Studie". Auffällig ist, dass keine Gruppe das "trifft teils-teils zu"-Niveau von acht Punkten signifikant überschreitet. Die einzige Gruppe, die deutlich von den anderen abweicht, ist die der "Arrivierten Linken". Ansonsten entsprechen die Werte den Erwartungen: die beiden autoritären Gruppen weisen im Schnitt leicht höhere Werte auf als die restlichen Gruppen.
    Gruppe
    Religiosität
    1: Autoritäre der Mitte 8.2
    2: Arrivierte Rechte 6.8
    3: Arrivierte Linke 4.3
    4: Rigoristische Rechte 7.3
    5: Rechte Autoritäre 8.1
    6: Anomische Linke 6.3
    Tabelle 9: Durchschnittliche Religiositätswerte der verschiedenen Gruppen. F=18.8, p<0.000 [45]. Die Gruppe 3 unterscheidet sich von allen Gruppen signifikant. Weitere signifikante Unterschiede 5-6, 1-6, 1-2 [46].
    [Inhalt]
    3.7 Autoritarismus und Einstellung zu Ausländern
    3.7.1 Theorie
    Folgende Ergebnisse liegen bis zu diesem Punkt vor: es wurden sechs Gruppen von Personen gebildet, die sich in ihren Anomie- und Rigorismus-Werten, sowie in ihrer politischen Selbsteinschätzung unterscheiden. Zwei der gefundenen Gruppen enthalten Personen, die sowohl auf der Rigorismus- als auch auf der Anomieskala hohe Werte erzielt haben. Diese Personen ordnen sich auf der politischen Skala tendenziell entweder rechts (für die eine Gruppe) oder in der Mitte (für die andere Gruppe) ein. Von ihnen, sie machen übrigens ca. 27% der Gesamtzahl der befragten Personen aus, vermute ich aufgrund von theoretischen Überlegungen, dass sie dem Phänomen des Autoritarismus am nächsten stehen. Wobei diejenigen unter ihnen, die sich politisch rechts einordnen, dies noch stärker tun dürften, als diejenigen, die sich in der politischen Mitte ansiedeln. Ein Hinweise darauf, dass diese Vermutung richtig sein könnte, geben die eben gemachten Beobachtungen, dass die Mitglieder dieser beiden "hoch-anomischen" und "hoch-rigoristischen" Gruppen sich - in Übereinstimmung mit der Autoritarismustheorie - von den übrigen befragten Personen dadurch unterscheiden, dass sie im Durchschnitt älter, weniger gebildet und religiöser sind. Nun wird das Phänomen des Autoritarismus seit den Anfängen der Autoritarismus-Forschung mit Minderheitenfeindlichkeit (und Ausländer sind eine solche Minderheit) in Verbindung gebracht. Die Studien tun dies, der aufmerksame Leser erinnert sich, über die Suche nach einem "Ersatzobjekt unbewussten Vernichtungswillens", das greifbar, aber nicht zu greifbar sein sollte. B. Altemeyer sieht eine negative Haltung gegenüber Minderheiten als integralen Bestandteil autoritärer Aggression, da Minderheiten leicht "Autoritäts-sanktionierte" Ziele abgeben. In der Tat gilt der positive Zusammenhang zwischen Autoritarismus und Minderheitenfeindlichkeit als dermassen selbstverständlich, dass er zwar oft erwähnt, aber nur selten ausführlich begründet wird.
    Versuche, Ausländerfeindlichkeit (als Untergruppe von Minderheitenfeindlichkeit) über Autoritarismus zu erklären, gehören zur sozialpsychologischen Untergruppe der Erklärungen von Ausländerfeindlichkeit. Sie bilden nur einen kleinen Teil der möglichen Erklärungsmuster und können daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Folgende Argumentationsweisen sind in diesem Rahmen unter anderem denkbar [47]: 1) Gewisse Personen neigen zu "falschem" Umgang mit Emotionen. Ausländerfeindlichkeit ist das Ergebnis von Frustration (gesellschaftliche Ziele können nicht erreicht werden), Triebverdrängung, Projektion und Unsicherheit (z.B. Furcht vor Identitätsverlust). 2) Gewisse Personen neigen zu "falscher" Perzeption, sie haben ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Bedürfnis nach Komplexitätsreduktion und Generalisierung. Und sie benötigen für die Konsistenz ihres Weltbildes Gruppen, denen sie negative Eigenschaften sowie die Schuld für ihre eigene Unzufriedenheit bzw. für ihr Versagen zuschreiben können. Ausländer bieten sich als solche Gruppe an, da sie a) durch ihre Andersartigkeit viel Raum für Projektionen bieten, b) ihre Stigmatisierung in weiten Kreisen der Gesellschaft akzeptiert oder zumindest toleriert wird und da c) die Chance, dass derartige Einstellungen revidiert werden müssen, aufgrund der gesellschaftlichen Distanz zu den Ausländern relativ gering ist.
    Diese Überlegungen führen mich zur folgenden Annahme:
    Autoritäre Personen sind Ausländerfeindlicher als nicht-autoritäre.
    Nun lassen sich, wie schon einmal gesagt, mit den vorhandenen empirischen Daten der "Zürcher Studie" keine "Feindlichkeiten", sondern nur "Einstellungen" beschreiben. Doch will ich hier annehmen, dass eine "negative Einstellung zu Ausländern", zumindest wenn sie genügend stark ist, in Ausländerfeindlichkeit übergehen kann. In diesem Sinne will ich die eben aufgestellte Annahme zu einer empirisch überprüfbaren Hypothese umformulieren:
    Hypothese 4: Autoritäre Personen hegen eine negativere Einstellung zu Ausländern als nicht-autoritäre. Konkret ausgedrückt: die beiden Gruppen der "Autoritären" weisen auf der "Einstellung zu Ausländern"-Skala der "Zürcher Studie" tiefere Werte (im Sinne einer negativeren Einstellung) auf als die beiden Gruppen der "Arrivierten". Die Gruppe der "Rechten Autoritären" weist den tiefsten Wert aller Gruppen auf.
    3.7.2 Datenauswertung
    Ich will vorausschicken, dass die drei eingangs zur Gruppenbildung verwendeten Variablen "Anomie", "Rigorismus" und "politische Selbsteinschätzung" eine - für soziologische Verhältnisse - relativ gute Erklärung der gemessenen "Einstellung zu Ausländern" (EA) abgeben: die drei Variablen erklären gemeinsam 35% der Varianz der EA-Werte, wobei die politische Selbsteinschätzung den stärksten Einfluss auf diese Erklärung hat, gefolgt von Anomie und Rigorismus.
    Tabelle 10 zeigt die mittleren EA-Werte der verschiedenen Gruppen. Auffällig ist der Extremwert der "Rechten Autoritären". Unter dem Einstellungs-Durchschnittswert dieser Gruppe liegen weniger als 17% der befragten Personen. Mit der Gruppenbildung ist es mir also scheinbar gelungen, aufgrund von Kriterien, die nicht direkt etwas mit der negativen Einstellung zu Ausländern zu tun haben, eine Klasse von Personen auszusondern, die eine äusserst negative Einstellung zu Ausländern hegen.
    Des weiteren ordnen sich die Mittelwerte der Gruppen gemäss den Erwartungen, d.h. je "autoritärer" die Gruppe, desto tiefer ihr durchschnittlicher EA-Wert.
    Gruppe
    Einstellung zu Ausländern
    1: Autoritäre der Mitte -0.42
    2: Arrivierte Rechte 0.10
    3: Arrivierte Linke 0.66
    4: Rigoristische Rechte -0.29
    5: Rechte Autoritäre -1.10
    6: Anomische Linke 0.25
    Tabelle 10: Durchschnittliche Einstellung zu Ausländern (z-Werte) der Gruppen. F=79.6, p<0.000. Alle Gruppen unterscheiden sich signifikant voneinander.


    4. Schlusswort
    Zwei Dinge möchte ich zum Abschluss meiner Arbeit noch festhalten, diese sind meiner Ansicht nach nicht nur in meinen Untersuchungen zum Autoritarismus zu kurz gekommen.
    1. In Arbeiten zum Autoritarismus wird meist, respektive fast immer, latenter Autoritarismus, vorallem in Form von autoritaristischen Einstellungen, betrachtet. Ein oft begangener und deswegen nicht weniger fataler Fehler ist die Gleichstellung dieser latenten Form von Autoritarismus mit autoritaristischem Verhalten. Unter welchen Bedingungen latenter Autoritarismus in seine manifeste Form übergeht und was "manifester Autoritarismus" tatsächlich bedeutet müsste genauer untersucht werden.
    2. Wie ich bereits im Vorwort zu dieser Arbeit erwähnt habe tauchen immer wieder Persönlichkeiten auf, die den in ihrer Gesellschaft latent vorhandenen Autoritarismus als Instrument zur Verwirklichung ihrer politischen Ziele ausnutzen. Solche "Führerpersönlichkeiten" spielen eine wichtige Rolle im Kreislauf des stärker und schwächer Werdens von Autoritarismus, denn nur unter ihrer Führung kann der Autoritarismus seine volle, gesellschaftsverändernde (und oft auch zerstörerische) Kraft entwickeln. Die Untersuchung der Beweggründe, Techniken und Erfolge (respektive Misserfolge) solcher Führerpersönlichkeiten könnte wichtige Hinweise zu Phänomen des Autoritarismus und zu den Möglichkeiten seiner Eindämmung liefern. An aktuellem Beobachtungsmaterial fehlt es nicht: wenn "unser Volkstribun", Ch. Blocher, wie es die folgende Textpassage aus seiner Replik zum Eizenstat-Bericht zeigt, ein Bild der akuten Bedrohung schweizerisch-nationaler Werte zeichnet, spielt er mit Elementen, die, über die Angst die sie provozieren, durchaus den in der Schweiz latent vorhandenen Autoritarismus verstärken können:
    Bis anhin waren es in- und ausländische Personen, private Organisationen - allen voran ein amerikanischer Senator und die Spitze des Jüdischen Weltkongresses -, welche unser Land verunglimpften, beschimpften, erniedrigten, bedrohten und Geld forderten. Mit dem Eizenstat-Bericht hat die Auseinandersetzung eine neue Dimension erhalten. Der amerikanische Staatssekretär Stuart Eizenstat [...] spricht offiziell im Namen des amerikanischen Staates sein Urteil über unser Land aus. [48]
    Ich beschliesse diese Arbeit in der Hoffnung, dass der aufgeklärte menschliche Geist dereinst Attacken wie dieser, gleichgültig wie kunstvoll sie geritten werden, widerstehen wird.

     
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